Touch the screen for complete healing

Mittwoch, den 27. April 2011 – Tanja

Heute bin ich eine Minute zu spät gekommen. Es war 9:01 Uhr und ein paar zerquetschte Sekunden als ich durch die Bürotür stürmte. Die ersten starrten mich bereits wie einen Schwerverbrecher an. Ihr empörter Blick wanderte zunächst zu mir und im nächsten Moment zur Wanduhr, die über dem Wasserspeicher hing. Es signalisierte mir, dass es sich nicht gehören würde und ich Scham empfinden sollte. Wenn die Leute, die im 2 – 4 Stock arbeiten, auch die Treppen anstelle vom Fahrstuhl nehmen würden, dann A) wären sie schneller am Arbeitsplatz B) hätten die anderen Leute im Fahrstuhl mehr Luft zum Atmen und C) wäre ich pünktlich gewesen. Gedanken, die ich lieber für mich behalten habe.

An meinem Platz wurde ich gleich mit einem ohrenbetäubenden Rülpser begrüßt. Es ist nichts Ungewöhnliches hier. Es gehört zu meinem Arbeitsalltag wie das tägliche Kommunizieren mit den Lieferanten. In der Abteilung, in der ich arbeite, bin ich die einzige Ausländerin. All die kulturellen Unterschiede am Arbeitsplatz, die man zuvor nur aus Büchern oder Medien kannte, kann man hier hautnah erleben. Manchmal zu seiner Freude und manchmal auch zu seinem Ärgernis. Chinesen leben nun einmal, um zu arbeiten. Es ist ruhig und man geht seiner Arbeit nach. Smalltalk wird ungern miteinander geführt, weil es die Chefin mitkriegen könnte. Man muss permanent den Eindruck schinden, man sei beschäftigt und man tut etwas. Es herrscht ein gewaltiger Druck unter den Mitarbeitern und Überstunden werden als etwas Selbstverständliches angesehen. Ich verhalte mich angemessen, aber spiele nicht die Marionette. Solange man seiner Arbeit nachgeht und sie nicht vernachlässigt, ist auch ’mal ein kleines Gespräch oder ähnliches drin. Über einige Dinge muss man dann aber auch schmunzeln. Eine generelle Kleiderordnung herrscht nicht wirklich. Jeder kann zur Arbeit kommen, wie er möchte. Es würde sogar niemanden wundern, wenn man mit einem Pyjama ankäme. Auch sieht man Frauen, die knappe Höschen tragen, bei denen die Pobacken halb rausgucken. Heute zum Beispiel kam mir eine entgegen, die mit Hausschuhen durch die Gänge spazierte und das Büro zu ihrem eigenen Wohnzimmer machte.

Als ich mich nach Feierabend mit A. am Lujiazui auf einen Kaffee im Starbucks treffen wollte, bin ich an einem kleinen Supermarkt vorbeigegangen. Ich sah eine aufgestapelte Pyramide aus Weißkohl. Die China Daily berichtete heute noch, dass chinesische Kohlanbauer in diesem Jahr einen schweren Verlust erleiden, da die Preise enorm gesunken sind und sich der Kohl nur schwer verkaufen lässt. Ich hatte mich gefragt, wie viel russische Bortschsuppe ich nur daraus machen könnte und ob ich nicht morgen noch einmal mit einer Schuppkarre vorbeikommen sollte.

Ich hatte noch ein paar Fotos vom Bund gemacht, bevor ich A. abgefangen habe. Wir trinken oft und gerne einen Kaffee am Lujiazui und betrachten dabei das einmalige Panorama des Bundes – die Flussseite, die für seine zahlreich historischen Gebäude aus der Kolonialzeit bekannt ist und von der man das berühmt berüchtigte Panorama des Pudong bewundern kann. Die Sonne ging unter und ich hatte Hunger bekommen. Wir entschlossen im Blue Frog essen zu gehen. Montags kann man hier die besten, außergewöhnlichsten und schmackhaftesten Burger in ganz Shanghai finden. Da heute aber Mittwoch war, entschied ich mich für eine Pasta. Welch Zufall, dass wir noch die Happy Hour erwischten. “Buy one – get one free“, ließ uns der Kellner wissen. Und so sah man vor lauter Biergläser das eigene Essen nicht mehr. Wir hatten uns Heineken bestellt. Wir schmeckten sofort den Unterschied zum chinesischen Bier heraus: es schmeckte einfach herber, frischer und zeigte schneller seine Wirkung.

Das Ende des Abends war weniger prickelnd. Gegen 21:00 Uhr verließen wir Blue Frog und erst gegen 23:30 Uhr erreichten wir das Apartment. Schuld daran waren meine Blase und die zweistündige Suche nach einem Taxi. Die Strassen waren wie verhext. Nur wenige Taxis fuhren und wenn wir eins aufhalten konnten, dann mochten sie unsere Fahrtrichtung nicht. Nur selten erwischt man solche Tage, denn normalerweise gibt es hier Taxis wie Sand am Meer. Unser erster großer Fehler war, sich an einem Taxistand nicht angestellt zu haben. A. und mir war die Schlange zu lang und obendrauf hatten wir es auch immer ohne geschafft. Zwei Stunden sind wir rumgeirrt und hofften bald ein Taxi zu erwischen, aber immer wieder fuhren sie an uns vorbei oder wir sind im 5- Minutentakt ins IFC Building zurückgelaufen, um Wasser zu lassen. Meine Augen wurden immer schwerer und die hohen Schuhe brachen mir bereits beinahe alle Zehen. Letztendlich entschlossen wir uns die Mission abzubrechen und die nächste, vollbesetzte Metro zu nehmen.

Zu Hause angekommen, war ich noch nicht einmal mehr in der Lage mir ein Leberwurstbrot zu schmieren. Ich war ein wenig angefressen, erschöpft und wollte nur noch ins Bett fallen. Ich kannte diese Tage noch aus Peking, wenn man in Xidan einkaufen ist und es plötzlich anfängt zu regnen. Taxis fuhren nicht und wenn, dann nur zu Wucherpreisen.

Der Tag endete und ich schlief mit dem Gedanken ein, dass mein Bruder bereits in Hongkong gelandet sein müsste.

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