Samstag, den 30. April 2011 – Julia

Ein bisschen komisch ist es schon, ganz allein in dieser Wohnung in diesem riesigen geschichtsträchtigen Gebäude zu wohnen. Es hat ein eigenes Museum, weil hier früher der gesamte Parteiapparat inklusive Stalins Sohn gewohnt hat. Dort ist die schreckliche Vergangenheit ausgestellt, wegen der gläubige Bewohner einen Geistlichen kommen lassen um die Wohnung zu segnen. Das Haus wurde abgehört und es wurden hunderte von Menschen von hier abgeholt, von denen man dann nie wieder etwas hörte. Die Lage ist natürlich traumhaft, aber wenn man es genau betrachtet sind erstmal 6-spurige Straßen um einen herum. Nicht gerade ideal um mit einem – weißen! – Hund spazieren zu gehen. Es gibt einen Park, aber da übt in der ersten Hälfte des Tages das Militär marschieren, und in der zweiten ist er besiedelt von Leuten der Gothik-Szene und Tolkienisten.


Nach dem Frühstück habe ich Ordnung in meine vielen Tüten mit Sachen gebracht, die ich vor meinem Deutschlandbesuch hier abgestellt habe. Das war schnell gemacht, nur die Sachen „ohne Kategorie“ werden vermutlich mal wieder noch wochenlang herumliegen. Ein Hassthema für Ordnungsliebende. Ich machte mich mit einem Freund auf zu einem Spaziergang mit einem Restaurant als Ziel, für das wir noch Spar-Coupons hatten. Hier fährt niemand Fahrrad. Ist wohl auch nicht praktisch, so wie der Verkehr und die Straßen hier sind. Mittlerweile macht mir Spazieren gehen viel Freude. Man gewöhnt sich an alles. Das war das Fazit meines ersten zweimonatigen Moskau-Aufenthaltes. Wie auch das letzte dreiviertel Jahr habe ich damals im  Hauptgebäude der MGU gewohnt. Von außen ein unheimlich imposanter Bau, von innen… interessant. Die Substanz ist uralt und wenig renoviert. Es wohnen dort ausländische Studenten und die klügsten Köpfe des Landes. Zumeist konzentriert letztere sich dermaßen auf die Wissenschaft, dass sie körperlich und hygienisch zurückbleiben. Diese hochintelligenten, in ihrer eigenen Welt lebenden Menschen fangen regulär etwa mit 16 an zu studieren. Unsereins kann mit ihnen insgesamt mäßig viel anfangen. Dann gibt es dort noch die, die eher zufällig an dieser Universität gelandet sind und die, die dank Schmiergeld, gefälschter Passierscheine und/oder zu mehr Leuten als für ein Zimmer vorgesehen im Wohnheim leben. Die sind meist okay. Alle anderen sind Moskauer und/oder bezahlen Unsummen für ein Studium an der MGU. Die Superreichen wagen es, ihre Ferraris und Mercedes vor dem Hauptgebäude, in dem auch die Professoren wegen ihres spärlichen Gehalts von ca. 600 Euro leben, abzustellen. Ein großer Teil von ihnen wird nach dem ersten Jahr aufgrund von Erfolglosigkeit exmatrikuliert (und fliegt dann zum Beispiel auf die Bahamas, um sich zu trösten).

Abends habe ich spaßeshalber ein niederländisches Buch angefangen zu lesen. Auch wenn es  manchmal nur langsam geht, mit meinen Grundkenntnissen des Plattdeutschen ist es absolut machbar. Ich werde auf diesem Wege versuchen mir eine neue Sprache anzueignen. Ganz locker, ohne großartiges Lernen. Das hatte ich gerade und ich habe mich auf andere Dinge zu konzentrieren.
Schon ab 9 fing ich an den mir vermeintlich fehlenden Schlaf nachzuholen. Welterusten!

0

Und? Sag was!

%d Bloggern gefällt das: