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Sonntag, den 1. Mai 2011 – Jan-Hinnerk

Wieder die Morgenroutine: Ich schalte den Computer an und der zweite Artikel, der mir nach dem Borussia Dortmund Foto bei Spiegel Online begegnet, ist die Vorberichterstattung zum Hamburger Polizeieinsatz am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Diesen Feiertag gibt es heute auch in Thailand, doch hier interessiert das niemanden so richtig. Insbesondere keine Krawallmacher.


In dem Reiseführer, den ich ganz zu Anfang meiner Auslandsreise gelesen habe, steht wortwörtlich „Bangkok ist bei Nacht nicht gefährlicher als… Bielefeld.“ Ich war noch nie bei Nacht in Bielefeld und ich habe es auch nicht vor, aber ich vermute, dass es in Bangkok sogar chilliger ist. Das gefällt mir. Ein bisschen liegt das bestimmt daran, dass die meisten Menschen hier Buddhisten sind und damit aus kulturellen Gründen Konfrontationen und Streit eher aus dem Wege gehen. Überhaupt ist es beeindruckend wie friedlich arme und unglaublich reiche Menschen hier in unmittelbarer Nachbarschaft zusammenleben. Wobei mir einschränkend einfällt, dass es gerade letztes Jahr natürlich auch blutige Auseinandersetzungen in Bangkok gab. Am Ende musste das Militär eingreifen und meine Kollegen konnten fast 14 Tage lang nicht ins Büro kommen, weil Straßenkreuzungen und Stationen von Aufständischen kontrolliert wurden. Dieser Aufstand war aber offenkundig politisch motiviert und hat mit Alltagskriminalität und Vandalismus nichts zu tun. Im Großen und Ganzen ist Bangkok friedlicher als Bielefeld. Ich habe in den letzten Monaten jedenfalls nur Soldaten gesehen, die sich bei 7-Eleven gerade Cola kaufen.
Wenn ich so an meine Zeit in Stuttgart denke, muss ich feststellen, dass ich da mehr Schiss hatte: Bekloppte S21-Demonstranten, die mit Steinen schmeißen und Mülltonnen durch die Gegend treten. Noch beklopptere Polizisten, die im Gegenzug mit Wasserwerfern auf Schüler zielen und einem Demonstranten ein Auge rausjagen. Mitbürger mit Migrationshintergrund, die in der S-Bahn schwarzfahren und den Kontrolleur beschimpfen oder mich beim nächsten Mal nachts in der S-Bahn anrempeln und beleidigen. Vielleicht hatte ich nur Pech, aber so richtig wohl kann man sich da nicht fühlen.
An Skytrain und Metro, den öffentlichen Verkehrsmitteln in Bangkok, kleben keine Graffiti. Es gibt keine eingeschlagenen oder verkratzten Scheiben und Müll ist nirgends zu sehen. Am Bahnsteig stellen sich alle Leute gelassen in Reihe an, auch wenn es brechendvoll ist. Okay, gelegentlich drängeln sich versprengte Europäer vor, aber trotzdem ist es selten hektisch. Es kann auch keiner schwarzfahren, weil man nur mit Fahrschein auf den Bahnsteig kommt und Bahnfahren außerdem so günstig ist, dass es den Sprung über die Absperrung nicht wert wäre. Ich wünsche mir dieses Niveau von der Deutschen Bahn. Ironischerweise wird der Airport Link, also die Bahnlinie zum Flughafen Bangkok, von der Deutschen Bahn betrieben. Das soll mir mal einer erklären.
Als Gegengewicht zu diesem vergleichsweise harmonischen System, präsentiert sich der Straßenverkehr als lebensgefährlich und nervtötend. Ständig ist Stau, überall nur Autos, Tuk-Tuks und Mopeds. Natürlich trägt auf dem Moped kaum jemand einen Helm – obwohl das inzwischen sogar Pflicht ist/wäre. Wo es möglich ist, fahren dafür aber alle zu schnell und sprinten in dem engen Großstadtgewühl rechts und links an den fahrenden Autos vorbei. Kein Autofahrer macht ruckartige Lenkbewegungen, weil sonst sofort ein Zweirad auf der Seite liegen würde. Die übliche Schutzausrüstung der Motoristen besteht aus kurzer Hose, T-Shirt und Flipflops. Unfälle enden deswegen häufig hässlich. Wer sein Leben mag und die Zeit für den obligatorischen Verkehrstau erübrigen kann, der fährt besser Taxi. Aber das ist eben die Art von Großstadtterror, mit der man in Bangkok leben muss. Und mir ist es allemal lieber, als unkontrollierte Krawalle am 1. Mai.
Apropos 1. Mai… Wie beschrieben ist heute ja auch in Thailand „Tag der Arbeit“. Und weil Feiertage, die auf das Wochenende fallen, arbeitnehmerfreundlich auf den nächsten Werktag verschoben werden, habe ich morgen noch mal frei. Auch darüber könnten wir in Deutschland mal nachdenken. Ich verbuche den Tag jedenfalls als Ersatz für den entgangenen Ostermontag am Wochenanfang. Und so schließt sich der Kreis der Woche.

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