Touch the screen for complete healing

Dienstag, den 26. April 2011 – Julia

Einer jener Tage, die man besser aus dem Kalender und dem Gedächtnis streicht. Der am Tag zuvor verspeiste Fleischsalat zusammen mit dem vielen Kaffee ließen mich die ganze Nacht aus dem Bett hängen. Ich wollte heute viel erledigen. Waschen, mich endlich krankenversichern, den frei gewordenen Bausparvertrag meinen Eltern überschreiben (in meiner aktuellen Lebenssituation und mit Blick auf die nächsten Jahre habe ich dafür nicht die geringste Verwendung, ganz im Gegensatz zum Geld), Sachen zusammensuchen, Unterrichtsmaterial sichten und abends dann grillen. Geschafft habe ich NICHTS davon.

Und selbst das, was andere für mich machen wollten, ist nichts geworden. Eigentlich hätte ich bereits heute mit den Antragsunterlagen in die Botschaft fahren müssen, damit das Visum bis Donnerstag fertig wird. Es fehlt immer noch ein Dokument, das erst seit Ende letzten Jahres von den Russen gefordert wird und natürlich nur, weil die Deutschen so etwas wollen. Um dieses zu bekommen bin ich abhängig von Leuten, die für mich lügen, bin also nicht gerade in der Position Druck zu machen und stehe zudem am Ende einer 4-gliedrigen Kontaktkette, von der ich nur zu einem Glied Verbindung habe. Unmäßige Wut kommt auf, wenn man nichts gegen die Tatenlosigkeit von Leuten tun kann, die behauptet haben, dass sie einem schnell und unkompliziert helfen könnten, weil sie mit so etwas schon Erfahrung hätten, aber dennoch mal eine Woche nicht auf Mails antworten, Anweisungen geben ohne die Situation durchblickt geschweige denn Nachrichten gelesen zu haben. Kurz: ich lag nicht nur kraftlos und mit Schmerzen im Bett, sondern ärgerte mich auch noch, weil das einen Monat lang arrangierte Unternehmen zu scheitern drohte. Gegen Abend fand sich ein anderer potenzieller Helfer, der mir das Dokument am nächsten Tag während meines Weges nach Hamburg per  Mail zukommen lassen wollte. Einigermaßen beruhigt schlief ich ein.

Beruhigt auch in meiner wiederkehrenden Bestürzung über den Zustand der Erde und das Verhalten der Menschen durch eine Preisverleihung an Innovatoren im Bereich alternative Energien und Umwelt- und Hilfsprojekte. Ja, ich bin mir darüber bewusst, dass es platt und illusorisch ist. Nur wenn man länger in Russland lebt, freut man sich zu sehen, dass es doch Leute gibt, die gegen Umweltverschmutzung und Energieverschwendung arbeiten. Ich habe einen Engländer kennen gelernt, der nach Moskau gekommen ist um Firmen von der Notwendigkeit und Effektivität von Energiesparmaßnahmen zu überzeugen. Er bestätigte, dass es eine schwierige Arbeit bis hoffnungsloses Unterfangen ist. Energie ist zu billig, es ist zu viel davon da, die Gebäude und die Metro sind überheizt, man regelt die Temperatur im Winter mittels Fensteröffnen, tropfende bis dauergeöffnete Wasserhähne gelten nicht als reparaturbedürftig… mir fallen zig Beispiele ein, Situationen, in denen mir der Mund offen stand. Das Bewusstsein verändert sich nur sehr langsam. Das Denken aus der Sowjetzeit ist noch tief verankert. Da man aber mittlerweile seinen Verbrauch selbst bezahlen  muss und es nun endlich die Möglichkeit gibt, für seinen Haushalt einen separaten Zähler installieren zu lassen, geht es hoffentlich bald schneller.

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